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MP3-Player vergessen.

29. April 2008 by DonRobodroid

Fast gestorben.

Als häufiger Nutzer des Öffentlichen Verkehrs habe ich es mir zur Angewohnheit gemacht, die Zeit während des Transfers von zu Hause zur Arbeit und auch wieder zurück aktiv als Freizeit zu nutzen. Das ist dank des angenehmen Komforts der Doppelstockwaggons des Regionalexpresses auf meiner täglichen Route auch nicht weiter schwierig: mit Buch oder PSP bewaffnet oder einfach nur vor mich hindösend, im Ohr das angenehme Säuseln der Lieblingsmusik aus dem MP3-Player.

Doch wehe, ich vergesse morgens einmal, dieses wichtige Utensil einzupacken bzw. anzulegen. Die Hinfahrt zur Arbeit ist dann meistens unkritisch, aber auf der Rückfahrt am Nachmittag, da wird es auf einmal lebensgefährlich. So auch heute wieder, als sich drei Exemplare des ultrageschwätzigen Doppel-X-Typs hinter mir niederließen, nur um sich während der Dreiviertelstunde, die meine Reise dauert, wahrhafte Duelle an Nichtigkeiten, Platitüden und Vorurteilen zu liefern. Und ich, ohne akustischen Schutzmantel, mittendrin, dem leerhirnigen Trommelfeuer hilflos ausgeliefert.

Ein Auszug, hier ging es gerade um Sprachen:

„Französisch ist ja eine schöne Sprache.“

„Deutsch ist eine grässliche Sprache.“

„Ich mag Französisch, das klingt so gut.“

„Deutsch klingt so hart.“

„Ja, so hart.“

„Sprechen Sie Französisch?“

„Nein, wir sprechen nur Deutsch und Englisch.“

„So ein bisschen Französisch kann ich schon. Sche wuhdräh, wenn ich was möchte oder Sche mapell oder Wulleh Wuh heißt ‚Willst du‘.“

Wulleh wuh kuscheh aweck moah. Hahahah.“

„Ja das kenn ich auch. Oder Sche trawaiii ala mehsong, ich arbeite zu Hause.“

„Arbeiten Sie wirklich zu Hause?“

„Sie meinen in echt? Nein.“

„Ach heutzutage geht das ja so einfach.“

„Ja stimmt, diese Computer machen das möglich. Das wäre eigentlich nicht schlecht. Zu Hause hat man ja immer was zu tun.“

„Ja wobei das dann wieder eher schlecht ist.“

„Italienisch ist auch eine schöne Sprache.“

„Portugiesisch mag ich ja nicht so.“

„Die Portugiesen sprechen ja alle Spanisch.“

„Ja aber die Spanier sprechen kein Portugiesisch.“

„Das ist wie mit den Franzosen, die sprechen auch keine andere Sprache.“

Und so ging das die Gan-Ze-Zeit. Aus selbsterzieherischen (aka selbstbestrafenden) Gründen setzte ich mich diesem geistigen Durchfallgelaber gnadenlos aus; zum Glück erreichte der Zug kurz vor meinem Hirninfarkt meinen Heimatbahnhof und ich durfte aussteigen. Dem Tod wieder einmal knapp von der Schippe gesprungen, uff!

Das Beste war, dass diese Tanten sich tatsächlich nicht entblödet hatten, sich über die Handytelefonierer zu mokieren:

„Überall stehen sie herum und haben diese Telefone am Ohr.“

„Und sie reden nur über unwichtiges Zeug, wollen sich selbst reden hören.“

„Die machen sich wichtig damit.“

„Und die Strahlung, die Strahlung, die diese Händis verbreiten.“

„Ja schrecklich, diese Strahlung!“

„Die wissen ja gar nicht, was sie da mit sich anrichten.“

„Und was sie der Gesellschaft antun. Die Gemeinschaft muss dann ja wieder dafür aufkommen.“

„Ja, genau. Schrecklich, ganz schrecklich.“

Fazit: Ich werde so schnell bestimmt nicht mehr vergessen, meinen MP3-Player einzupacken. Und ich gehe jetzt dazu über, mein immer noch teilgelähmtes Hirn mit einer guten Dosis Rotwein zu entkrampfen. Prost!


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